Da war die Oma dann schon ein bisschen tüddelig...
immer wieder kommt dieser Satz in Beerdigungsgesprächen. Doch was dahinter steht, reicht von ein klein wenig vergesslich bis zu Demenz.
Eine Aufgabe mit der unsere Gesellschaft mehr und mehr konfrontiert ist.
Als wir beschlossen haben, etwas zu diesem Thema zu machen, kamen aber auch andere Aspekte des Vergessens hinzu. Denn manchmal schützt uns unser eigener Verstand vor dem Erinnern. Und so manche friedliche Lösung eines Streites verdankt sich der Fähigkeit auch vergessen zu können. Gnade oder Fluch?
Kultureller Gast ist KLANG UND LEBEN.
Eine Gruppe Musiker um den Terry Hoax-Sänger Olli Perau, die in Altersheime geht, um über Musik einen Weg zu ermöglichen, ein wenig von der verlorenen Vergangenheit wieder zu entdecken.
Am Besten, sie schauen selbst auf die Homepage dieses großartigen Projektes: www.klangundleben.org
Predigt
Liebe Gemeinde
Als ich 1995 mein Abitur ablegte, sagte meine Mutter am Tag der letzten Prüfung:
Die größte Allgemeinbildung deines Lebens hast du heute. Danach ist alles Spezialisierung.
Damals habe ich das nicht verstanden. Als meine Töchter dann größer wurden musste ich feststellen, dass meine Mutter damals Recht hatte. In allen Geisteswissenschaften konnte ich meine Kinder unterstützen. Bei den Naturwissenschaften, in denen ich zur Schulzeit eigentlich ganz firm war, sah es anders aus. Wieviel ich vergessen habe. Es ist einfach weg. All die Integralrechnung, die Entwicklungsstufen des Maikäfers, doppelte Atombindungen, Klimazonen der Sahelzone… Ich weiß noch, dass wir das im Unterricht hatten, mehr jedoch nicht.
Als mein Vater einen Schlaganfall hatte, da wusste er nicht mehr, wie seine Kinder heißen. Aber er konnte noch hebräische Verben konjugieren.
Man konnte mit ihm den Krankenhausflur entlanggehen und er konnte den Maler jedes Bildes benennen, das im Flur hing. Aber er wusste nicht mehr, was man auf eine Zahnbürste machen muss.
Mit harter Arbeit hat er sich sein Gedächtnis zurückerobert. Der Arzt hat versucht es uns über ein Bild zu erklären. Das menschliche Hirn sei wie eine Bibliothek. Und alle Bücher stehen noch im Regal. Doch durch den Schlaganfall sind die Hinweise verloren, wo die jeweiligen Bücher zu finden sind.
Als mein Großvater im Sterben lag, da wähnte er sich immer wieder in seiner Kindheit. Und wenn er in seinen letzten Tagen auf die Toilette wollte, da bog er nicht links ab, wie er es sechzig Jahre seines Lebens getan hat, sondern er ging nach rechts, wie es in seinem Elternhaus korrekt gewesen wäre.
In Beerdigungsgesprächen habe ich so oft schon gehört, wie lange Familien brauchen, um eine Demenz als solche zu erkennen. Lange habe ich das als Schutzfunktion verstanden, als ein Nicht-wahr-haben-wollen. Doch als wir in meiner Familie mit Demenz konfrontiert wurden, habe ich selber erlebt, wie sehr ich auf die Strategien eines Demenzkranken im Anfangsstadium hereingefallen war. Wie geschickt das Vergessen kaschiert werden kann. Wie Namen umgangen werden. Wie schnelle Zustimmung verdecken soll, dass man das Thema gar nicht mehr versteht.
Aber nicht alles Vergessen ist Demenz.
Nach einem traumatischen Erlebnis verschwinden die Details. Als würde das Hirn einen schützen wollen vor den furchtbaren Erinnerungen. Um das Trauma zu bearbeiten, müssen diese Erinnerungen mühsam wieder an die Oberfläche geholt werden.
Und dann gibt es das Vergessen, das aktiv vorangebracht wird. Dinge vergessen zu lassen. Nicht mehr drüber reden. „Wir haben es nicht gewusst“ – die Standarderzählung nach dem Dritten Reich. Schuld und Scham sind der große Motor dieser Art des angeblichen Gedächtnisverlustes.
Und es gibt auch das Vergessen, dass bei anderen geschehen soll. Die ganzen elenden Holocaustleugner sind da ein Beispiel. Aber auch der jahrzehntelange Umgang unserer Kirche mit Fällen sexueller Gewalt.
Und es gibt das Vergessen werden.
Wenn nicht ich selber vergesse, sondern der andere mich vergisst. Der Moment, wenn der eigene Vater, die eigene Mutter, der Ehepartner einen anschaut und nicht mehr weiß, wer das ist, der ihm gerade gegenübersteht.
Als ich all diese verschiedenartigen Formen des Vergessen aufs Papier brachte erschien mir dies als das Brutalste. Denn man ist dem hilflos ausgeliefert. Wenn ich selbst beginne zu vergessen, dann kann ich mit allerlei Hilfsmitteln mir noch eine Zeit erkaufen, Wege mit den Erinnerungslücken zu finden. Und wenn die Demenz weit fortgeschritten ist, dann ist auch vergessen, dass ich vergesse.
Den Dementen kann ich begleiten. Ich kann lernen, auf welche Art und Weise ich am besten mit seinem Zustand umgehe. Aber wenn ich in der Rolle desjenigen bin, der vergessen wird, dann bin ich hilflos.
Die Bibel berichtet nicht von Demenz. Und das hat einen ganz einfachen Grund. Während die durchschnittliche Lebenserwartung heute um die 80 liegt und 90 Jahre nicht als außergewöhnlich gilt, so war die durchschnittliche Lebenserwartung zu biblischen Zeiten sehr viel geringer. Die Menschen sind schlicht und einfach gestorben, bevor ihr Gehirn so gealtert war, dass man von einer Demenz sprechen könnte.
Wenn in der Bibel das Wort Vergessen verwendet wird, dann geht es vor allem darum, dass das Volk Israel sich der Heilstaten Gottes nicht mehr erinnert und deshalb wieder und wieder die gleichen Fehler macht. Und das Wort Vergessen wird gebraucht, um uns Menschen zu versichern, dass Gott uns nicht vergisst.
Und doch finde ich in der Bibel Hilfe, wenn ich in meinem Umfeld mit Demenz konfrontiert bin. Nur muss man dafür etwas weiter ausholen und eine Frage für sich beantworten, nämlich: Was ist der Mensch.
Und die Frage wird in den ersten beiden Kapiteln der Bibel beleuchtet.
Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Und das kann einem niemand nehmen.
Und wenn mein Hirn so leer ist, wie eine frisch formatierte Festplatte – ich bleibe Gottes Kind. Eine Beziehung, die bleibt. Eine Beziehung, die da ist und die bleibt, was immer auch geschieht. Eine Beziehung, die ist und bleibt, selbst dann, wenn ich nicht an die Existenz eines Gottes glauben sollte.
Und zweitens: Der Mensch ist ein sozietäres Wesen. Ein Wesen, das sich erst in Gemeinschaft und am Gegenüber realisiert.
In der afrikanischen Theologie gibt es das Wort UBUNTU. Dieses Wort aus der Sprache der Xhosa ließe sich übersetzen mit: Ich bin, weil wir sind.
Ubuntu ist die Entfaltung der biblischen Vorstellung, dass der Mensch nur in Gemeinschaft zum Menschen wird.
Und diese Gemeinschaft bleibt auch dann bestehen, wenn mein Gegenüber das vergessen hat. Sie bleibt bestehen, weil ich mich an den anderen erinnern kann. Wenn jemand nicht mehr weiß, dass er Vater ist und nicht mehr weiß, dass da ein Sohn ist, dann bleibt die Beziehung trotzdem, weil der Sohn weiß, dass er selbst der Sohn und dass der Mensch, der sich nicht mehr erinnert, sein Vater ist.
Die Beziehung bleibt in dieser Logik und mit diesem Versprechen solange bestehen, solange sich auch nur einer erinnern kann.
Das nimmt nicht die Bitterkeit, die Demenz über Betroffene und Angehörige bringt.
Das mindert nicht die ständige Überforderung, mit einem Dementen zu leben.
Und das befreit auch nicht davon, vielleicht irgendwann die Entscheidung treffen zu müssen, die professionelle Hilfe eines Heimes in Anspruch zu nehmen.
Aber es ist einer der kleinen Strohhalme an die ich mich klammern kann um die Kraft zu finden, in einem Dementen weiterhin den Menschen erkennen zu können, den man von früher kannte.
Ich habe ihnen als biblische Lesung den 139 Psalm ausgewählt.
Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war,
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
Dieses Buch, in dem alle unsere Tage verzeichnet stehen, ist mir als Bild immer wichtiger geworden. Wenn es dieses Buch gibt, dann darf ich irgendwann dieses Buch aufschlagen und nachlesen. Das, was ich nicht verstanden habe in meinem Leben. Und das, was ich vergessen habe.
Die Demenz hat nicht das letzte Wort. Und die scheinbare Einseitigkeit einer Beziehung mit einem Dementen wird nicht für ewig sein. Die Erinnerung sind nicht weg. Sie sind bewahrt in diesem Buch.
Dass es so sein wird, das kann ich ihnen nicht beweisen. Ich kann es ihnen nur versprechen. Ich kann es ihnen versprechen, weil ich selber glaube, dass Gott uns das versprochen hat. Und vor allem, weil ich es glauben will.
Denn dieser Gedanke ist ein kleiner Strohhalm an dem ich mich festhalten kann.
Ich kann mich daran festhalten, dass dieser Mensch, der nicht mehr weiß, dass ich sein Sohn bin, dennoch mein Vater oder meine Mutter bleibt.
Doch noch bin ich auf dieser Erde und das Buch ist jetzt noch nicht für mich lesbar. Und bis ich es aufschlagen darf, muss ich Wege finden.
Einer dieser Wege ist heute kultureller Gast in diesem Kulturgottesdienst. „Klang und Leben“. Eine Gruppe Musiker, die Konzerte für Demente gibt.
Wenn sie auf der Homepage dieser Gruppe die Photogalerien anschauen, dann ist es selbst für Laien erkennbar, wie Musik ein Weg sein kann, trotz Demenz Zugang zu einem Menschen zu finden. Ein Weg, damit aus der Einseitigkeit einer Beziehung wieder etwas Wechselseitiges werden kann.
Ich habe diese Erfahrung selbst machen dürfen bei Besuchen im Altersheim und im Krankenhaus. Wenn ich zu einem Geburtstagsbesuch war und nur ein Datum und einen Namen hatte und auf Menschen stieß, die nicht mehr ansprechbar waren. Beim erstenmal habe ich das aus reiner Hilflosigkeit gemacht. Da stand ich in einem Altenheimzimmer und hatte – entschuldigen sie bitte die Ausdrucksweise, aber so fühlte es sich für mich damals an – Gemüse vor mir. Keine Reaktion auf jegliche Ansprache.
Ich habe angefangen zu singen. Ich war halt in dieser Situation und ich wollte nicht handlungsunfähig sein. Irgendetwas tun und nicht einfach nur gehen, weil es ja nichts zu tun gibt für mich.
Und so habe ich gesungen, obwohl das nicht ein Talent von mir ist. „Geh aus mein Herz“, „Lobe den Herren“… was mir halt gerade einfiel und wo ich ein wenig textsicher war.
Und plötzlich begann dieses reaktionslose Gemüse an, die Melodie mit zu summen.
In diesem Moment vor bald 20 Jahren habe ich verstanden, dass es kein reaktionsloses Gemüse gibt. Dass was auch immer das Leben mit uns Menschen macht, wir Menschen bleiben. Solange, wie wir selbst in der Lage sind, den Menschen im Gegenüber zu erkennen.
Die Musik hat die Grenze zwischen uns aufgehoben. Die Melodie hat das vermocht, was all mein gelehrtes Wissen aus der Universität nicht geschafft hat. Musik hat die Demente aus dem grauen Nebel hervorkommen lassen und die Musik war es auch, die mein eigenes Herz gelehrt hat, dass dort ein Mensch ist, auch wenn dieser Mensch auf vieles nicht mehr reagieren kann.
Vor kurzem habe ich diese Erfahrung erneut machen dürfen im Krankenhaus bei einer Sterbebegleitung.
Da kam kein Summen von Rosemarie. Doch sie war an Maschinen angeschlossen und ich konnte Atem- und Herzfrequenz ablesen. Und dort gab es Reaktion. Ich kannte die Frau. Sie hatte mich bei Gottesdiensten schon an der Orgel begleitet und so war ich in der Lage zu erkennen, dass an den lebenserhaltenden Maschinen ersichtlich wurde, welche der Lieder sie besonders ansprachen.
Wenn Musik das kann, wenn Musik das vermag, woran alles andere scheitert, dann kann ich Musik nur als eines bezeichnen. Als ein Geschenk Gottes.
Und, liebe Musiker von Klang und Leben, dann ist das, was sie mit ihren Instrumenten in den Altersheimen machen, nur als Gottesdienst zu bezeichnen.
alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von denen keiner da war.
Vielen Dank dafür, dass sie es Menschen möglich machen, schon jetzt ein klein wenig, ihre eigenen Seiten aus diesem Buch betrachten zu dürfen. Und vielen Dank dafür, dass sie den Angehörigen einen Ausblick geben, dass nicht alles verloren ist, sondern das es Wege gibt, den eigenen Vater, die eigene Mutter, den Ehepartner wieder zu entdecken. Und sei es nur für die Dauer eines Konzertes.
Danke dafür, dass sie Momente schenken, die uns daran erinnern, was ein Mensch ist.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen
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Kulturgottesdienste
Kontakt: Florian Schwarz; Lange Straße 66; 31628 Landesbergen; E-Mail: schwarz(at)kulturgottesdienste.de