Kalt ist der Abendhauch

Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod

Zu Gast ist Nando Rodriguez mit Liedern über den eigenen Tod.

 

Der Tod sei ein Tabu in Deutschland höre ich seit Jahren immer wieder. Aber das stimmt so nicht ganz. Was allerdings wirklich immer noch ein verbreitetes Tabu ist, das ist der eigene Tod. Über den von anderen haben wir ganz gut gelernt zu sprechen, vom eigenen Sterben hingegen wollen die meisten nichts wissen.

Ich habe mit Nando einen ganzen Abend zusammengesessen und wir haben nach Liedern geschaut, die das eigene Sterben thematisieren…

Viele haben wir nicht gefunden und auch bei denen gibt es eine gewisse Engführung auf bestimmte Aspekte. Welche? Das erfahren Sie in der Martin-Luther-Kirche zu Hoya. Freuen sie sich auf einen bunten Abend mit argentinischem Tango und Rockmusik aus drei Jahrzehnten.

 

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Vielen Dank an Sabine Berkefeld vom prinzenstudio.de für die Bilder

 

 

 

 

Predigt

 

 

 

Liebe Gemeinde,

 

 

 

Ich war neulich im Kino. Barbie. Eine Geschichte der rosaroten Plastikpuppe mit unrealistischer Figur und unendlichem Kleiderschrank.

 

Der Film beginnt in Barbieland, und das ist perfekt und so kann Barbie in einer Szene sagen:

 

„Das ist der beste Tag ever….

 

Genau wie gestern

 

Genau wie morgen

 

Und an jedem anderen Tag

 

Und das für immer“

 

 

 

Barbieland ist perfekt. Doch mit perfekt füllt man keinen Kinofilm.  Der Moment, in dem die eigentliche Geschichte beginnt ist in einer Tanzszene, in der all die Barbies und Kens ihre perfekten Choreographien tanzen, als Barbie völlig unvermittelt Worte aus dem Mund kommen:

 

„Denkt ihr manchmal ans Sterben?“

 

 

 

Die Musik bricht ab, die Tänzer und Tänzerinnen verharren mitten in der Bewegung.

 

All die anderen Barbies und Kens in Barbieland scheinen zwar verstanden zu haben, was Sterben ist, doch  ein solcher Gedanke hat keinen Platz in der perfekten Glitzerwelt von Barbieland. Sie verschließen die Augen vor der bloßen Vorstellung der eigenen Sterblichkeit

 

Doch für Barbie ist dieser Gedanke der Beginn ihres Abenteuers. Der Beginn, die wahre Welt zu sehen.

 

 

 

Was unterscheidet einen Menschen vom Tier?

 

Ein Tier scheint zwar zu verstehen, wenn ein Herdengenosse tot ist, aber eine Vorstellung davon, dass es selbst sterblich ist hat es nicht. Das scheint eine Erkenntnis zu sein, die den Menschen vorbehalten ist.

 

 

 

Als der Mensch im Paradies war, da drohte Gott mit dem Tod, sollte der Mensch jemals vom Baum der Erkenntnis kosten.

 

Ich habe mich immer gewundert, warum der Allmächtige mit so etwas droht und es dann nicht konsequent umsetzt. An dem Tag, an dem ihr davon essen werdet…

 

Waren Adam und Eva ursprünglich als Unsterbliche erschaffen? Und der Tod kam erst dazu, als unsere Vorfahren Gottes Gebot überschritten?

 

Jahrhundertelang war das die gängige Interpretation der Paradiesgeschichte.

 

 

 

Aber so richtig haut das für mich nicht hin. Viel naheliegender ist es doch anzunehmen, dass mit dem Biss in den Apfel unsere Augen aufgetan wurden und wir nicht nur von Gut und Böse wussten, sondern auch um unsere eigene Sterblichkeit.

 

Dass wir vom Anbeginn der Schöpfung als sterbliche Wesen konzipiert waren und die Konsequenz aus dem Biss in den Apfel das Wissen um unsere Sterblichkeit ist.

 

 

 

Und wenn ich Ihnen noch einen weiteren Blickwinkel auf diese biblische Überlieferung zumuten darf:

 

Vielleicht ist das Wort Strafe für diese Geschichte ein falsches.

 

Was wäre denn, wenn das Wissen um die eigene Sterblichkeit nicht eine Strafe war, sondern eine Voraussetzung für ein Leben außerhalb des Paradieses. Für ein Leben in der wirklichen Welt?

 

 

 

Dann wäre der biblische Schöpfungsbericht die Vorlage für den Barbiefilm.

 

 

 

Wenn ich mit Konfirmanden das Thema Tod und Sterben durchnehme, dann gehört dazu eine Stunde, in der die Konfirmanden ihre Wünsche für ihre eigene Beerdigung aufschreiben. Und jahrelang habe ich immer wieder Ärger mit Konfirmandeneltern deswegen gehabt. Und das war meine eigene Schuld. Was ich nicht bedacht hatte, war nämlich, dass die Konfis zu Hause am Abendbrottisch durchaus erzählen, was wir gemacht haben. Und nach dieser Stunde scheint das so abzulaufen, dass die Jugendlichen am Abendbrottisch fragen, was denn Papas Wünsche für seine Beerdigung wären.

 

Und damit habe ich die Eltern überfordert. So unvermittelt mit dem eigenen Tod, dem eigenen Sterben konfrontiert zu werden.

 

Die daraus resultierende Überforderung und der Unwille, sich damit auseinanderzusetzen äußerte sich dann in Wut gegen mich.

 

Seit ich den Eltern vorher einen Brief schreibe und diese mögliche Frage der Konfis am Abendbrottisch ankündige, gab es keine Beschwerden mehr.

 

 

 

Haben sie schon mal darüber nachgedacht? Über ihren eigenen Tod? Ich schon. Der Tod ist mein täglich Brot. Zumindest der Tod von anderen. Und meine Wünsche für meine eigene Beerdigung habe ich meinen Töchtern auch erzählt. Mündlich kann ich das. Aber die Möglichkeit zu verschriftlichen, die ich ja jedesmal wieder habe, wenn ich das mit den Konfirmanden mache, die habe ich nicht genutzt. Irgendwie sperre ich mich dagegen, das auf Papier zu fixieren.

 

 

 

Das hier vorne ist übrigens mein Sarg. Er steht normalerweise in meiner Werkstatt und wartet. Und das tut er hoffentlich auch noch etwas länger. Warum ich den problemlos immer wieder als eine Erinnerung an meine eigene Sterblichkeit ansehen kann, aber meine Wünsche für die Beerdigung nicht auf das Papier zu bringen vermag – da verstehe ich weder den Unterschied noch mich selbst.

 

 

 

Warum fällt uns Menschen das so schwer? Warum ist die Annahme der eigenen Sterblichkeit ein so großes Angehen, dass die meisten von uns das einfach ausblenden?

 

 

 

Als Nando und ich zusammensaßen und Lieder auswählten, da zeigte es sich, dass es gar nicht so viele zur eigenen Sterblichkeit gibt. Über den Tod von anderen ja. Aber den eigenen?

 

 

 

Und von den wenigen waren die meisten geprägt von einer Todessehnsucht. Sei es aus tiefen Leid heraus wie es im Tangostück Milonga Triste klingt oder eher einer spätpubertären Trotzigkeit wie bei dem Yer-Blues von den Beatles.  

 

 

 

Nicht einmal die Barden scheinen sich des Themas annehmen zu wollen.

 

 

 

Wenn niemand was davon hören will und noch weniger darüber nachdenken will, sollte ich das nicht akzeptieren und mir eingestehen, dass die Themenwahl für heute Abend Mist war?

 

Was bringt es mir denn, was bringt es Ihnen, Sie an ihre eigene Sterblichkeit zu erinnern.

 

 

 

Die letzten Worte Mose sind uns überliefert. Einen Abschiedsbrief hat er verfasst an sein Volk und er ist uns als der 90. Psalm überliefert.

 

Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.

 

 

 

Soviel hätte Mose dem Volk Israel als Quintessenz seines Denkens mitgeben können, doch es ist dieser Satz der zentral steht.

 

Und es sind die gleichen zwei Worte, die auch schon die Paradieserzählung verwendet: Sterben und klug werden.

 

Als wäre dieses Wortpaar untrennbar miteinander verbunden.

 

 

 

Wenn sie nachher diese Kirche verlassen und in ihr Leben gehen, macht es dann einen Unterschied, ob sie die Dinge die sie tun, in dem Bewusstsein ihrer eigenen Sterblichkeit tun? Begegnen sie ihren Tagen mit einem anderen Blick, wenn sie wissen, dass sie sich nur dessen sicher sein können, dass alles nur für die Gegenwart gilt und jegliche Zukunft auch ihre eigene, gänzlich ungewiss ist?

 

Können sie etwas ganz anders wertschätzen ohne die Sicherheit, dass sie selbst das in alle Ewigkeit zur Verfügung haben?

 

Würden sie anders handeln, wenn der Gedanke da ist, dass es keine Garantie gibt, etwas rückgängig machen zu können?

 

 

 

Vielleicht ist das Wissen um die eigene Endlichkeit der Motor, der uns Menschen antreibt. Dieses Wissen, das uns die Augen öffnet, dass wir nicht ewig Zeit haben, sondern mit Haut und Haar der Gegenwart verhaftet sind.

 

Das Wort jetzt, wäre bedeutungslos ohne Endlichkeit. Alles wäre nur noch relativ, wenn wir ewig Zeit hätten.

 

Ich glaube, die Unsterblichkeit wäre nichts für mich.

 

 

 

Doch die andere Seite des Gedenkens an die eigene Sterblichkeit ist düster. Denn wir haben keine Garantie, dass danach etwas kommt. Die Vorstellung des Nichts lauert jenseits unserer Zeitlichkeit. Und ich wüsste nicht, was uns Menschen mehr Angst machen könnte als das Nichts.

 

Es gibt nur eines, was dieses Nichts besiegen kann. Und das ist das Sein.

 

Und ich würde das Wort Sein für mich am besten übersetzen können mit dem Wort Gott. Es gibt ein Sein jenseits unserer eigenen Sterblichkeit. Ich verstehe das nicht, ich weiß nichts konkretes davon aber ich glaube daran, weil ich sonst verzweifeln müsste angesichts des drohenden Nichts.

 

Der Glaube an etwas, dass nach dem Tod kommen wird, nimmt mir ein kleines Stück die Angst, mich meiner eigenen Sterblichkeit zu stellen. Alles was ich kenne, bleibt endlich. Und ich bin mit meiner irdischen Existenz endlich. Und damit habe ich den Ansporn, meine Tage sinnvoll zu füllen. Und das ist klug. Das gibt allem erst die Würze. Während die Unsterblichkeit alles Gute so sehr in die Länge ziehen würde, bis es nur noch fad und farblos ist.

 

 

 

Aus den Liedern, die über die eigene Sterblichkeit singen und, die sie heute Abend hören, ist vor allem Verzweiflung zu hören. Eines, aus der die Klugheit des „Gedenke dass du sterblich bist“ klingt haben wir nicht gefunden.

 

Und vielleicht ist das ja eine Erkenntnis, von der man nicht anderen singen kann, sondern die uns Menschen ganz still und leise verändert. Und damit die Welt in der wir leben.

 

 

 

Zwei Weisheiten möchte ich Ihnen gerne mitgeben.

 

 

 

Die erste lautet:

 

Eines Tages werden wir alle sterben.

 

 

 

Die zweite:

 

Und an allen anderen Tagen nicht!

 

Und der Frieden Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen