Vielen Dank an Renne von http://www.spanka-foto.de für die schönen Bilder.
Predigt
Liebe Gemeinde,
Vor 56 Jahren, am Erntedanktag im Jahre 1968 gab es einen Eklat im Kloster Loccum. Als die Loccumer durch den Mittelgang der 800 Jahre alten Klosterkirche und unter den prächtigen Erntekronen schritten, da fiel ihr Blick nicht auf die Tafeln mit Kürbissen, Tomaten und all den anderen Erntefrüchte, sondern auf ein Auto. Etwas verloren stand der alte Fiat da vor dem Altar zwischen prächtig dekorierten Gemüse. Der Abt von Loccum tobte, die Loccumer Bauern waren verwirrt und die Vikare, die in einer Nacht und Nebelaktion das Auto durch den Kreuzgang in die Kirche geschoben hatten, saßen kichernd im Chorgestühl.
Die Geschichte wird im Kloster noch heute als beliebte Anekdote erzählt und von den damaligen Vikaren, die heute alle schon im Ruhestand sind, als eine ihrer großen 68er-Heldentat gerühmt.
In Vergessenheit geraten ist über den damaligen Eklat und die Selbstbeweihräucherung der 68er, der Grund, warum dieses Auto überhaupt dort stand. Es stand für die Vikare die Frage, ob das Erntedankfest überhaupt noch zeitgemäß ist in einer Zeit, in der die Landwirtschaft immer mehr Technik und immer weniger Menschen beschäftigte.
Und so wie die Rüben und Tomaten um den Altar für die ganze eingebrachte Ernte stehen, so sollte der alte rostige Fiat die Erträge der Fabrikarbeiter symbolisieren. Eigentlich eine schöne Idee…
Die Loccumer Bauern konnten nur leider nichts mit diesem Bild anfangen und sahen sich um ihr traditionelles Erntedankfest betrogen.
Aber Rüben wie Kleinwagen kann ich sehen. Ich kann sie anfassen. Ich kann sie vor den Altar bringen.
Das sind handfeste Symbole für das, was ich mit Gottes Hilfe in diesem Jahr erreicht und geschafft habe.
Und dann gibt es die Dinge, die ein Grund für Dankbarkeit sind, die ich nicht anfassen kann.
Die Dinge, die ich nicht auf den ersten Blick sehen kann.
Als ich mit Sylke Heerse zusammensaß und diesen Gottesdienst besprochen haben, da sind wir auf das Thema Heimat gekommen.
Denn Für Sylke sollte dieser Tag auch ein Dank an ihre Erntehelfer sein. 120 Mitarbeiter sind Jahr für Jahr für den Bickbeernhof auf den Feldern. Und der weitaus größere Teil kommt Jahr für Jahr für die Blaubeersaison aus Polen, aus der Ukraine, aus Tschechien. Viele von ihnen seit Jahrzehnten und eine polnische Familie nun schon in der 3. Generation.
120 Mitarbeiter aus Polen, der Ukraine und Tschechien.
Die Einwohnerzahl von Brokeloh wächst dadurch um ein Drittel.
Und das funktioniert ganz wunderbar. In Brokeloh kann man sehen, dass die ganzen Unkenrufe der Fremdenfeindlichen Schwachsinn sind. Es läuft in Brokeloh. Wenn man abends an Heyeglas fährt, da sitzen dann die jüngeren Erntehelfer zusammen mit Einheimischen Jugendlichen. Ein bunter Mix aus verschiedenen Sprachen. Gebrochenes Deutsch oder Englisch. Aber man hat sich was zu sagen.
Es gibt zur Mitte der Saison eine große Party für alle Mitarbeiter. Ich habe dieses Jahr meine Tochter von dort abgeholt und konnte das beobachten. Eine gemeinsame Feier von Einheimischen und Teilzeitbrokelohern.
Wie gut das Miteinander funktioniert ist ein Grund zum Dank. Auch wenn ich nicht weiß, was ich dafür zu den Erntegaben auf den Altar legen könnte.
Und ein Grund zum Dank sind die Brokeloher, die so offen gegenüber ihren Saisonbürgern sind.
Warum funktioniert das hier so gut? Warum ist Brokeloh ein so gutes Beispiel, dass die Hetzreden dieser ekelhaften faschistischen Partei, eben genau das sind: Hetzreden. Hetzreden, die ein Problem herbeireden, dass es nicht braucht.
Als wir im Vorgespräch an diesen Punkt kamen, sind wir auf Heimat gekommen.
Und jetzt geht es nicht mehr allein um die Menschen, die Jahr für Jahr hierherkommen, sondern es geht auch um die, die ihr das ganze Jahr wohnen.
Wenn man eine Heimat für sich hat, dann ist das zu einem Teil ein Geschenk Gottes. Und zum anderen Teil ist es das, was wir aus diesem Geschenk machen.
Die Brokeloher sind – wenn ich das als Landesberger so sagen darf – ein besonderes Völkchen. Sie sind stolz auf ihr Dorf.
Und bei der Eingemeindung haben sie mit der Umbenennung aller Straßen dafür gesorgt, dass ihr Dorf nicht nur ein Stadtteil von Landesbergen ist.
Ein Golddorf ist es. Und voller Stolz prangt diese Bezeichnung auf dem großen Schild.
Hier ist man stolz auf seine Heimat. Und das frei von allem stupiden Nationalismus.
Hier ist es nicht die Geburt oder die Vorfahren was diesen Stolz begründet, sondern der Stolz erwächst aus dem, was die Brokeloher aus ihrem kleinen Fleckchen Erde machen.
Und zu all den unzähligen Bausteinen, die so viele Menschen dazu beitragen, dass aus Brokeloh eine Heimat geworden ist, gehören auch die Erntehelfer.
Gäbe es die Erntehelfer nicht, so wäre der größte Wirtschaftsfaktor des Ortes nicht überlebensfähig. Ohne all die Menschen, die aus der Ferne hierherkommen um zu arbeiten, würde es das Cafe als Mittel und Treffpunkt im Dorf nicht geben.
Ohne diese Menschen und den Betrieb in dem sie arbeiten, wäre Brokeloh ein völlig unbekanntes Örtchen, durch das man höchstens dann durchfährt, wenn man von der B6 zur B215 wechseln will. Aber dank des Beitrages dieser Menschen kommen Tausende von Menschen, ganze Busladungen voll, nach Brokeloh.
Nicht für alles wofür ich dankbar bin, kann ich etwas finden, dass ich symbolisch auf den Erntedankaltar legen kann. Und nicht alles, was einen Ort zur Heimat macht, erkenne ich auf den ersten Blick.
Brokeloh wird für 120 Menschen zu einer Heimat auf Zeit. Freundschaften wurden geschlossen, Ehen sind entstanden zwischen Einheimischen und Saisonbrokelohern.
Brokeloh ist nicht nur der Ort der Arbeitsstelle, sondern ein Ort auf den sich 120 Menschen Jahr für Jahr freuen. Und sie freuen sich auf die Menschen die hier sind und die sie willkommen heißen.
Ich habe ein wenig rumgefragt. Es hat gedauert, bis es so gut lief. Es hat Zeit gebraucht, um die Saisonkräfte zu akzeptieren. Aber sie haben das geschafft.
Heimat ist kein Besitz. Heimat ist etwas das uns geschenkt wird und etwas das wir gestalten müssen.
Wäre Heimat Besitz, dann gibt man davon nur ungern ab. Wenn man den Begriff Heimat so falsch versteht, dann wird daraus Nationalismus, Blut und Boden-Gefasel und die Angst, das Boot könnte voll werden. Heimat die in ständiger Gefahr ist.
Wenn man Heimat als Geschenk begreift, dann bleibt es meine Heimat, auch wenn noch Menschen dazu kommen. Wenn man darauf schaut, was alles dieser geschenkten Heimat dienlich ist, dann gehören auch die Menschen dazu, die nur zeitweise hier leben. Und für niemanden der Ureinwohner wird es weniger Heimat dadurch.
Und so danken wir Gott heute für unsere Ernten.
Wir danken Gott für unsere Heimat.
Und wir danken Gott für jeden Menschen, der dazu beiträgt, dass diese Heimat so ist, wie sie ist.
Liebe Brokeloher, liebe, Teilzeitbrokeloher, liebe Erntedankgemeinde,
Dafür kann ich nichts Sichtbares auf den Altar legen. Aber vielleicht können wir etwas Hörbares vor Gott bringen.
Kein schöner Land in dieser Zeit
als hier das unsre weit und breit,
wo wir uns finden wohl untern Linden
zur Abendzeit.
2. Da haben wir so manche Stund
gesessen da in froher Rund
und taten singen, die Lieder klingen
im Eichengrund.
3. Dass wir uns hier in diesem Tal
noch treffen so viel hundertmal,
Gott mag es schenken, Gott mag es lenken,
er hat die Gnad.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche VErnunft, bewahre unsere HErzen und Sinne in JEsus Christus. Amen…
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